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Platzspitz-ABC

Begriffe der Drogenszene, ihrer Krankheiten und der Zürcher Geschichte. Man kann das Glossar aus dem Jahr 2020 einfach durchlesen und man kann es zum alphabetischen Nachschlagen benutzen:

AB  →CDE  →FGH  →IKL   →MNO   →PQRS   →TUVWXYZ

Abstinenz

 

Aufhören mit Heroin, Opioidentzug ist grauenhaft, die schlimmsten Tage Deines Lebens. Und doch ist Entzug oft nur ein Klacks, ein Punkt auf einer nie endenden Strasse des Elends, in dem Dein Körper, Dein Geist, Dein ganzes Wesen immer noch und immer noch gefangen bleibt, gefangen in einer lädierten Existenz. Opioidabstinenz wird oft zur schrecklichsten, monomanen Ausweglosigkeit in der alles fressenden Spirale um das Schwarze Loch der Sucht.

 

Zweifellos gibt es einige Menschen, welche eine Opioidabhängigkeit überwinden. Carlos Nordt und Ruedi Stohler zeigten 2006 in einer im Lancet veröffentlichten Studie, dass höchstens 5 Prozent der Opioidabhängigen nie mehr rückfällig werden. Nicht nur im Grossraum Zürich können Opioidabhängige ihre Sucht nur sehr selten überwinden.

 

Abszess

 

Ein Abszess ist eine eitrige, entzündliche Höhle im Körper. Der Abszess ist meist nicht nur mit Eiter, also mit weissen Blutkörperchen gefüllt, sondern auch mit Bakterien, Pilzen oder anderen Erregern. Diese Erreger können aus der Abszesshöhle in andere Organe, wie Herzklappen, Lungen, Leber und Gehirn, verschleppt werden und dort gefährliche und tödliche Folgekrankheiten auslösen.

 

Akute HIV-Erkrankung

 

Die akute HIV-Erkrankung tritt nur bei einem Drittel der Infizierten auf. Einige Wochen nach der Ansteckung mit HIV leiden diese an grippeartigen Symptomen, Lymphkontenschwellungen und manchmal an Gelbsucht.

 

Nach der Infektion vermehren sich HI-Viren in den ersten Wochen rasant. Der Organismus lernt aber zunächst fast immer, mit den Viren einigermassen zu leben. Die Zahl der Viren sinkt sogar wieder auf ein Minimum ab. HIV-positive Menschen fühlen sich lange Zeit kaum krank. Die Infektion verläuft jahrelang meist unbemerkt.

 

Arud

 

Die Arbeitsgemeinschaft für Risikoarmen Umgang mit Drogen, Arud wurde am 30. November 1991 von meist als Allgemeinpraktiker tätigen Ärzten und anderen mit Drogenproblemen konfrontierten Berufsleuten in Zürich gegründet. Die Arud wollte durch Schadenminderung und umfassende medizinische Versorgung die Probleme mit Drogen reduzieren. Vordringlich war die Nachfragedeckende Versorgung mit Methadon. Die niedrigschwelligen Angebote in den Arud-Polikliniken in Zürich, Horgen, Basel und Biel wurden in der Schweiz und im Ausland vielfach nachgeahmt.

 

Aids

 

Aids ist ein Syndrom, eine lange Liste von möglichen Krankheiten. Die Ursache dieser Krankheiten ist eine Infektion mit HIV. Sie verläuft jahrelang meist unbemerkt. Unbehandelt bricht Aids durchschnittlich nach 10 Jahren aus und führt dann in zwei bis drei Jahren zum Tod.

 

Die Zahl der Viren steigt meist über viele Jahre langsam an. Irgendwann kommt der Organismus mit den Milliarden von Viren nicht mehr klar. Die HI-Viren zerstören die immunkompetenten Helferzellen. Der Vorrat an diesen weissen Blutkörperchen beginnt zu schrumpfen. Der Körper ist immer weniger in der Lage, der ganzen Palette von Bedrohungen standzuhalten. Die Abwehrkräfte der Helferzellen versiegen. Die zelluläre Immunität bricht zusammen. Für andere Menschen harmlose Viren, Bakterien, Pilze und einzellige Parasiten können nicht mehr genügend abgewehrt werden. Damit beginnt Aids.

 

Amphetamine, Speed, Ecstasy und andere Stimulantien

 

Amphetamine sind eine Substanzgruppe von ähnlich antreibend wie die Stresshormone Adrenalin und Noradrenalin wirkenden Chemikalien. In der Drogenszene spricht man von Speed, Meth und Cristal. Das chemisch anders als Aphetamine aufgebaute Methylphenidat, Ritalin®, MDMA, MMDA und alle Formen von Ecstasy gehören in dieselbe Wirkgruppe. Zum Teil wirken sie auch wie Serotonin, ein anderes Katecholamin als Adrenalin und Noradrenalin. Alle Stimulanzien können süchtig machen, motorische Störungen auslösen, zu gefährlichen Überhitzungen, Krampfanfällen und Herzproblemen führen. Anhaltender Konsum kann schwerste Depressionen und paranoide Wahnzustände hervorrufen.

 

Autonomes Jugendzentrum Zürich AJZ

 

Ein von der Zürcher Jugend selbstverwaltetes Jugendhaus war ein politisches Versprechen der Fünfziger Jahre, welches nie dauerhaft eingehalten wurde. Die Forderung nach einem AJZ war in den Jugendunruhen 1968 und 1980 zentral. 1968 im ehemaligen Globus-Provisorium an der Limmat, 1972 im Lindenhofbunker und 1980 und 1981 auf dem Areal des heutigen Fernbusbahnhofes an der Sihl wurden wenige Wochen lang illegale AJZs toleriert.

 

1980 gab es im AJZ einen Fixerraum.


 

 

Belohnungssystem

 

Das Belohnungssystem unseres Säugetiergehirnes beherrscht unser Grosshirn, unser Denken. Alles was wir tun, jedes Wollen, jede Absicht, und sei sie sogar unbewusst, aber vor allem jedes Bewusstsein und die Wahrheit und Schönheit, im Belohnungssystem an der Basis des Grosshirns recht eigentlich erst entsteht.

 

 

Alles was wir gerne tun, möchten wir immer wieder tun. Alles was wir gerne spüren, möchten wir immer wieder spüren. Alles was wir gerne erleben, möchten wir immer wieder erleben.

Warum? Im Tiermodell zeigte James Olds in den 60-er Jahren wie eine Ratte auf Knopfdruck über elektrische Belohnungsreize oder Mikrodosen von Drogen gesteuert werden kann. Die hungrige Ratte verzichtet lieber auf angebotenes Futter als auf den in einem anderen Raum verabreichten Belohnungsreiz.

Wenn das Tier eine Schaltertaste drückt, werden im Belohnungssystem ein elektrischer Impuls ausgelöst oder eine kleine Menge Drogen freigesetzt. Auch auf einer Heizplatte stehend drückt das Tier rasend weiter den Schalter, verhungert lieber oder verbrennt sich, als dass es von seinem selbstzerstörenden Tun ablässt. Wer sieht in diesem Bild des süchtigen gemachten Versuchstiers nicht sofort den Junkie? Getrieben von seiner Sucht nimmt er Krankheit und Tod auf sich. Mit dem Infusionsständer am Arm, mit im Rücken offenem Krankenhaushemd rennt er mit nackten Beinen im Schneematsch vom Unispital hinunter in die Stadt auf der Suche nach dem nächsten Schuss Heroin. Kein nettes Zureden und auch reine Gewalt, nichts kann ihn wirklich stoppen, er braucht den Stoff.


Das anatomische Substrat des Belohnungssystems liegt in der Hirnbasis. Alle süchtig machenden Drogen wirken dort auf die mesolimbische Dopaminbahn. Drogen machen, dass dieses mesolimbische System an seinem Endpunkt, dem Nucleus accumbens, Dopamin ausschüttet.

 

 

Auch die körpereigenen Belohnungsstoffe, die Endorphine, Noradrenalin oder GABA wirken stimulierend auf die mesolimbische Dopaminbahn. Dopaminfreisetzung im N. accumbens ist die allgemeine Währung, der Goldstandard unseres Gehirns. Johann Wolfgang von Goethe formulierte noch: „zum Golde drängt doch alles, ach wir Armen“ und Freud sah im Sexuellen, die Triebfeder jedes menschlichen Tuns. Beide hatten nur ein bisschen recht. Denn ich aber sage: „zur Dopaminausschüttung im Nucleus accumbens drängt uns alles, ach wir Armen“! 

Im Ominconnected Brain, einem Gehirn, in dem jede Nervenzelle mit irgendeiner beliebigen anderen Nervenzelle über höchstens 5 Stationen verbunden ist, ist kein Gedanke möglich, der nicht seine Berechtigung am Belohnungssystem überprüft. Jede Motivation ist mit dem Belohnungssystem verbunden: Die Motivation für die Suche nach Nahrung, Trank, Wärme, Sex, Schmerzfreiheit, Schönheit, Wahrheit, ja, auch der richtigen Lösung einer mathematischen Aufgabe, entscheidet sich durch Dopamin-Ausschüttung am Nucleus accumbens, an der Basis des Grosshirns. 

Das Belohnungssystem sichert so unser Überleben als Individuum und als Art. Wir suchen täglich nach Nahrung, Trank, Wärme, Schlafplatz, Geborgenheit, Sex und allem was wir sonst noch brauchen, so wie jedes andere Säugetier auch. Sogar Fische haben ein urtümliches Belohnungssystem. Aber Sucht ist menschlich. Sucht ist ohne menschliches Wirken nicht möglich. Sucht muss gerade heute wieder diskutiert werden. Denn wir alle sind betroffen.

 

Benzodiazepine

 

Benzodiazepine sind eine Substanzgruppe mit dämpfender Wirkung. Rohypnol®, Valium®, Seresta®, Temesta®, Dormicum® und andere dieser Schlaf- und Beruhigungspillen werden von Heroin und Kokainkonsumenten oft zusätzlich gebraucht, um unangenehme Nebenwirkungen oder Entzugssymptome zu dämpfen. Benzodiazepine beeinträchtigen die Aufmerksameit und das Kurzzeit-Gedächtnis: Tendenziell verschwindet die ganze Welt hinter einem Zehnsekunden-Zeithorizont. Die Wirkung von Benzodiazepinen erzeugt oft die sichtbarste Auffälligkeit bei Junkies.

 

Buprenorphin

 

Buprenorphin, Subuthex®, Temgesic®, ist ein synthetisches Opioid mit einer beschränkten Wirkung, welche maximal etwa 30 mg Methadon entspricht. Mit Buprenorphin können 10 bis 30% weniger Patienten dauerhaft auf Heroin verzichten als mit Methadon. Buprenorphin hat gewisse Nebenwirkungen von Methadon nicht. Die bessere Alternative zu Methadon ist nicht Buprenorphin, sondern →Morphin Retard. Mit Buprenorphin können mindestens 10 % weniger Abhängige in Behandlung zurückbehalten werden als mit Methadon; das ist für die Prognose auch bezüglich Überleben entscheidende 10% schlechter als mit Methadon.

 

Candida albicans

 

Candida albicans ist der gemeine Hefepilz, der überall vorkommt und welchen wir für die Herstellung von Käse, Joghurt oder Brot brauchen.

 

Bei einer Immunschwäche können dieselben Hefepilze einen Soor verursachen. Dabei wuchern die Pilze im Mund am Gaumendach und den Schleimhäuten der Wangen, oder sie bilden ihre dicken weissen Beläge in Nasenhöhlen, Rachen und sogar den tiefen Atemwegen.

 

In den Achtziger Jahren gab es gegen Soor nur die Behandlung mit Gentiana-Violett-Spülungen. Die Behandlung war so schrecklich, wie sie tönt. Man musste die Würgen auslösenden, ätzenden Spülungen auf einer grossen Plastikblache durchführen um bleibende Verfärbungen am Boden zu verhindern.

 

Cannabis

 

Cannabis ist das Harz der Hanfpflanze Cannabis sativa. Es enthält neben anderen Cannabinoiden die Substanz Tetrahydrocannabinol THC, welche leicht psychedelisch, dämpfend und appetitanregend wirkt und die Stimmung hebt. Die Suchtpotenz von Cannabis wird allgemein unterschätzt.

 

Cocktail

 

Kokainfixer dämpfen die unangenehmen Effekte der nachlassenden Kokainwirkung gerne durch den Beikonsum von beruhigenden Substanzen, wie Alkohol, Benzodiazepinen oder Heroin. Die letzten beiden Substanzen können zusammen mit Kokain gespritzt werden. Cocktails aus Kokain und Heroin sind besonders gefährlich: der Kokain bedingte Crash kann herausgezögert werden, die Suchtpotenz ist besonders hoch und die Zahl der Injektionen wird oft erheblich gesteigert.

 

Drogen

 

Der Begriff Drogen bezeichnet hier Substanzen, welche psychotrop, also auf das Gehirn und die Psyche wirken. Die meisten Drogen machen abhängig, das heisst sie erzeugen eine Sucht.

 

Die Unterscheidung zwischen weichen und harten Drogen ist irreführend. Cannabis macht nicht nur psychisch abhängig, sondern wirkt genauso körperlich am Belohnungssystem wie alle anderen Suchtdrogen auch. Die Gefährlichkeit der meisten Drogen liegt in den Bedingungen ihres Konsums und nicht in der Substanz an sich. Die Risiken der verschiedenen Drogen und Konsumformen müssen spezifisch analysiert werden.

 

Drogenszene

 

Die Drogenszene wurde in Zürich seit 1968 immer wieder vertrieben: Schwarzer Ring, Odeon, Marökkli, Riviera, Bellevue, Seepromenade, Lindenhof-Bunker, Restaurants, Bars, Hirschenplatz, Seefeld, Platzspitz, Letten. Später metastasierte die Szene an die Langstrasse, machte Station in den Bahnhöfen von Altstetten, Affoltern, Örlikon, Dietikon, Uster, Aarau, Olten und vermischte sich mit den Szenen von St. Gallen, Chur, Bern, Lausanne, Genf, Berlin.

 

Jedes Mal, wenn sie vertrieben wurden und sich an neuen Orten festzusetzen versuchten, wurden neue Konsumenten von den süchtigen Kleindealern angefixt, ein Schneeballsystem. Die Repression gegen den Konsum und Handel mit Drogen wurde als Teil der polizeilichen Ordnungsaufgabe angesehen. Aber Ruhe und Ordnung sind Ziele, welche mit dem Ziel der Minimierung von Sucht und Drogen konkurrieren.

 

Drogentote

 

1994, auf dem Höhepunkt der Katastrophe, starben gemäss Sterberegister in der Schweiz fast 1‘000 Menschen an den Folgen ihres Drogenkonsums. Drogenkonsum war bei Männern im mittleren Lebensalter die häufigste Todesursache. 400 Menschen starben an einer Überdosis von Heroin; 300 Drogenkonsumenten starben an Aids, etwa 200 an den Folgen einer chronischen Hepatitis und Duzende an eitrigen Infektionen, Gewalt oder drogenbedingten Unfällen. Die Umstände des Konsums war die Hauptursache der meisten drogenbedingten Todesfälle. Fast alle Todesfälle wären vermeidbar gewesen.

 

Echymata

 

Echymata werden bei Drogeninjektionskonsumenten an den Leisten und am Hals gesehen. Solche arteriovenöse Wundernetze sind schwammartige Knoten oder Einziehungen, welche durch oft wiederholtes Anstechen einer grossen, neben einer Arterie liegenden Vene entstehen können. Durch auslaufendes Blut und Eiterbakterien entzündet sich das umliegende Bindegewebe und quillt auf. Wenn sich keine Eiterhöhle, kein abgekapselter →Abszess, bildet, wenn die Entzündung chronisch, quasi auf kleiner Flamme, im Bindegewebe weitermottet, spriessen feine Gefässe aus den Arterien und Venen und bilden darin ein Wundernetz. Fixer finden mit ihrer Nadel dort in der Lochschwäre zunehmend einfacher einen bluthaltigen Zugang.

 

Echymata sind immer mit Eitererreger infiziert. Fast immer haben Junkies mit einem Echyma auch eine Herzklappenentzündung, eine Endokarditis. Früher oder später sterben heroinabhängige Injektionsdrogenkonsumenten daran fast immer. Fast immer breitet sich Eiter aus einem Echyma in der Leiste mit der Schwerkraft entlang der Venen nach unten aus. Am Fussrücken, den Knöcheln oder Unterschenkeln entsteht ein rot und eitrig geschwollenes Feuerbein, ein Erysipel. Vor den Schienbeinknochen brechen dann häufig prätibiale Ulcera auf, handflächengrosse Geschwüre, welche kaum noch abheilen.

 

Noch schlimmer trifft es Fixer, die in den Hals stechen und dort zwischen der jugulären Arterie und Vene ein Echyma entstehen lassen. Der mit Staphylokokken verseuchte Eiter läuft dann hinter dem Brustbeinknochen zwischen den beiden Lungenflügeln ins bindegewebige Lager von Herz und den grössten Adern des Körpers. Diese Eiteransammlungen nennt die Medizin Empyem.

 

„Ubi pus ibi evaqua: Wo Eiter ist, dort entleere“, sagten schon die Ärzte des Mittelalters. Oder ist der Spruch noch älter? Eiter muss immer aus dem Körper abfliessen, sonst vergiftet er ihn. Die Selbst-Heilkräfte des Körpers sind unglaublich. Mehr als einmal habe ich gesehen, wie sich der Eiter eines Mediastinal-Empyems sich durch das Brustbein hindurch selbst einen Weg ins Freie gebahnt hat.

 

Endorhine

 

Endorphine sind körpereigene Opioide. Sie binden an die Opioidrezeptoren spezieller Nervenzellen und regulieren dort lebenswichtige Funktionen, wie zum Beispiel Temperatur, Atmung, Wachheit, Hunger auf Süsses, die Lust auf Sex, Nahrung, Schlaf und die Schmerzempfindlichkeit. Alle unsere Motive werden durch Endorphine gesteuert. Der weibliche Zyklus und andere Hormonfunktionen sind ebenfalls stark opioidabhängig, also durch die Endorphine gesteuert.

 

Entzug

 

Wenn kein Heroin oder Methadon mehr eingenommen wird, kommt der Körper auf Entzug. Das akute Entzugssyndrom dauert mindestens drei Tage: Breite Teller, das sind grosse Pupillen, Niessen und das Erwachen sexuellen Verlangens kündigen den Beginn des Entzugs an. Weniger angenehme Symptome setzen auch bald ein: Zittern, motorische Unruhe, Durchfall, Bauchkrämpfe, Schmerzen am ganzen Körper, Herzrasen, Angst und tiefste Verzweiflung, dass das nie ein Ende nehmen wird. Im akuten Entzug erwarten die opioiden Nervenzellen Heroin, aber das kommt nicht mehr. Die Nerven werden im Entzug für Opioide überempfindlich, da sie hohe Dosen gewohnt sind. Die körpereigenen Endorphine können die ausbleibende regelmässige Zufuhr von Opioiden nicht genügend kompensieren.

 

Flash

 

Beim Spritzen von Heroin oder Kokain gelangt die ganze Dosis in einem einzigen Bolus ins Gehirn. Durch das plötzliche Anfluten in einer hohen Konzentration beginnt die Wirkung der Drogen maximal und innerhalb von zwei bis drei Sekunden. Ein solcher Flash ist überwältigend aber für Ungewohnte auch gefährlich. Beim Heroinflash droht der Atemstillstand. Der ultimative Flash ist der tödliche, der ‚Goldene Schuss‘.

 

Mit gewissen Techniken beim Rauchen, zum Beispiel aus einer Alufolie (‚Chase the Dragon‘), kann ebenfalls ein Flash erzeugt werden. Die Gefahr der Überdosis ist weniger gross, da die starke Betäubung einen zweiten Atemzug mit Heroin verhindert.

 

Hepatitis, Gelbsucht, Gilb

 

Hepatitis ist die Entzündung der Leber. Sie macht eine Gelbsucht, medizinisch den Ikterus, eine Gelbverfärbung der Haut und der Schleimhäute. Besonders leicht zu sehen ist diese, in der Szene Gilb genannte Verfärbung im Augenweiss.

 

Eine Hepatitis wird meist durch Viren verursacht und tritt manchmal als Nebenwirkung von Medikamenten auf. Bei Drogenkonsumenten werden Gelbsucht als Folge von Infektionen mit den eigentlichen Hepatitis-Viren HAV, HBV und HCV beobachtet. Manchmal sind sie auch Zeichen der HIV-Infektion oder anderer Erreger.

 

Hepatitis A, HAV

 

Hepatitis A durch ist eine Schmier- und Schmutzinfektion. Ungenügendes Waschen der Hände oder Lebensmittel aber auch unsterile Spritzen und Nadeln können die Hepatitis A Viren HAV übertragen. Hepatitis A ist fast immer harmlos und heilt ohne Medikamente. Es gibt eine sehr wirksame Schutzimpfung.

 

Hepatitis B, HBV

 

Das Hepatitis B Virus HBV wird sexuell oder durch unsterile Spritzen und Nadeln übertragen. Hepatitis B heilt meist ohne Folgen. Aus einer chronischen Hepatitis B können aber eine Leberzirrhose oder Leberkrebs entstehen. Es gibt eine sehr wirksame Schutzimpfung.

 

Hepatitis C, HCV

 

Hepatitis C wird durch unsterile Spritzen und Nadeln oder sexuell meist durch Analverkehr übertragen. Dreiviertel aller HCV-Infektionen werden chronisch; langfristig drohen dadurch Leberzirrhose und Leberkrebs. Es gibt keine Schutzimpfung aber die chronische Hepatitis C kann heute technisch einfach und fast nebenwirkungsfrei durch allerdings sehr teure Medikamente geheilt werden.

 

Heroin, DAM

 

Heroin, DAM, Diacethylmorphin ist ein synthetischer Abkömmling von Morphium. Heroin ist ein Opioid aber strenggenommen kein Opiat, kein originaler Bestandteil von Opium.

 

Es ist kein Zufall, dass Heroin die beliebteste Substanz für Opioidabhängige darstellt. Heroin hat für Fixer ideale Eigenschaften. Heroin kann bequem auch hochkonzentriert mit einer kleinen Spritze injiziert werden.

 

Warum? Heroin ist im menschlichen Körper eine Vorläufersubstanz zum im Gehirn eigentlich wirksamen Morphin. DAM, das Diacethylmorphin-Molekül Heroin, wird auf dem Weg zu den Nervenzellen vollständig zu MAM, Monoacethylmorphin und dann zum deacethylierten Morphin umgewandelt. Ins Hirn gelangt praktisch ausschliesslich Morphin: Nicht Heroin wird im Gehirn wirksam, es ist nur das Morphin. Aber auf dem Weg ins Gehirn, im Blut provoziert Heroin keine Histaminfreisetzung. Eigentlich erzeugt nur Morphin das unangenehme Nadeln oder Nageln, das alle Fixer auch vom Heroin ein bisschen kennen. Eigentlich erzeugt aber auch nur Morphin die Wirkung im Gehirn.

 

Histaminreaktion

 

Morphin lässt Abertausende und Millionen von Mastzellen im Blut aufplatzen. Morphin zerstört die Zellmembran dieser Histamin haltigen Sorte weisser Blutkörperchen. Das Blut und der ganze Körper werden mit Histamin überschwemmt.

 

Morphin kann bei intravenöser Injektion durch diese plötzlichen grossen Histaminmengen schwere Nebenwirkungen machen. Sie sind einer allergischen Reaktion vergleichbar. Morphininjektionen werden nur in Dosierungen bis 20 mg einigermassen vertragen; wegen der massiven Freisetzung von Histamin, sind höhere Dosierungen unerträglich. Klassische Morphinisten spritzen sich täglich viel häufigere und viel kleinere Dosierungen als Heroinfixer.

 

HIV

 

Das menschliche Abwehrmangel-Virus, Human Immundeficiency Virus HIV, ist der Erreger von Aids. HIV kann von einer infizierten Mutter auf das Kind, sexuell vaginal oder anal, durch Blut und durch Blutreste in unsterilen Spritzen und Nadeln übertragen werden.

 

Ibogain, Tabernanthe Iboga

 

Die Blätter des Tabernanthe Iboga Strauchs enthalten Ibogain. Hebammen, traditionelle Heilerinnen des Bwiti Kultes, Meisterinnen über Geburt, Leben und Tod benutzen sie im westafrikanischen Lande Gabun.

 

Howard Lotsof, ein US-amerikanischer Vietnam Veteran hatte in den 60-er Jahren seinen abhängigen Heroinkonsum nach einem Ibogain-Trip beenden können. Jahrzehnte lang versuchte Lotsof seither in fast missionarischer Weise die ganze Welt davon zu überzeugen, dass Ibogain Drogensucht heilen könne. Es hiess, er sei vom blinden Musikstar Steve Wonder gesponsert worden. Obwohl Lotsof in den USA Patente für Ibogain-Behandlungen erhalten konnte, wurde Ibogain dort schon Ende der 60-er Jahre zur illegalen Droge erklärt. In der Schweiz war Ibogain in den Achtziger Jahren noch legal verwendbar.

 

Der Zürcher Psychiater Peter Baumann schlug vor, Ibogain in der Therapie von Heroinsüchtigen zu versuchen. Nach diversen Abklärungen und einigen Selbstversuchen mit Ibogain in der Praxis Dr. Baumanns, führten Dr. Roberto Lobos, der Leitende Arzt der Arbeitserziehungsanstalt für junge Männer Arxhof, die Psychologin Marina Prins, eine Mitarbeiterin Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich, und ich 1987/88 Entzugsversuche mit Ibogain an unseren Heroin abhängigen Patienten durch. Die Behandlungen verliefen komplikationslos aber führten in keinem einzigen Fall zu andauernder Abstinenz.

 

Marina Prins schrieb zwei sehr informative wissenschaftliche Arbeiten über Tabernanthe iboga, die vielseitige Droge Äquatorial-Westafrikas: Divination, Initiation und Besessenheit bei den Mitsogho in Gabun und die Geschichte einer vielseitigen Droge Westafrikas und ihrer Anwendung in der Psychotherapie.

 

Injektionsutensilien

 

Durch mehrfachen Gebrauch von Injektionsbestecken werden die Nadeln stumpf und hackenförmig verbogen. Auf diese Weise wird vermehrt neben die Venen gespritzt oder die angestochene Vene wird verletzt, und das Gewebe quillt durch auslaufendes Blut etwas auf. In diesem geschädigten Gewebe können eitererregende Bakterien leicht gedeihen. Durch Kratzen und unzweckmässige Pflege werden solche Stellen häufig zu gefährlichen Eiterherden. Der Eiter verschleppt sich als Blutvergiftung in den ganzen Körper und es kommt zu bakteriellen Ablegern an Herzklappen, Lungen, Gehirn und anderswo.

 

Kaposi

 

Kaposi-Sarkome galt früher als seltene Krankheit alter südosteuropäischer Männer. Heute wissen wir, dass Kaposi durch die menschlichen Herpes-artigen Viren HHV-8 verursacht wird, aber nur ausbricht, wenn eine zelluläre Immunschwäche durch Aids oder hohes Alter vorliegt. HHV-8 wird vermutlich fast ausschliesslich durch ungeschützten Analverkehr übertragen.

 

Kaposi kann nicht nur die äussere Haut, sondern auch die Schleimhäute des Darmtraktes vom Mund bis zum After und in der Lunge befallen.

 

Kokaineffekte

 

Kokain wirkt dreiphasig. Zuerst wirkt es antreibend, aktivierend, erzeugt ein Hochgefühl von Macht, Kraft, Potenz, Intelligenz und Selbstbewusstsein. In der zweiten Phase sind der Konsument und die Konsumentin immer noch stark angetrieben, unruhig, unsicher, wird von unangenehmen Ideen und Ängsten geplagt und kann sich sogar verfolgt fühlen. Manche Kokainisten werden unter ungünstigen Umständen gewaltbereit und aggressiv. In der dritten Phase erfolgt der Crash, mit Antriebslosigkeit, Depression und manchmal verzweifelter Hoffnungslosigkeit.

 

Kokainrisiken

 

Chronischer hochdosierter Kokainkonsum kann zu einer agitierten paranoiden Psychose und nach Absetzen des Konsums zu einer anhaltenden schweren Erschöpfung und Depression führen.

 

Die Umstände und die Form des Kokainkonsums sind für das Ausmass der Risiken entscheidend. In einem von Gewalt und Waffen strotzenden Umfeld können Kokainpsychosen zu tödlicher Gewalt erheblich beitragen. Je schneller grosse Kokaindosen im Gehirn anfluten, desto grösser sind die Risiken; die Risiken nehmen in folgender Reihenfolge zu: Schlucken, Sniffen, Rauchen, Fixen.

 

 

 

·       Schlucken:
Ohne erhebliche medizinische Probleme und ohne grosse Restriktionen werden in einigen südamerikanischen Staaten getrocknete Kokablätter zur Zubereitung von Kokainhaltigen Tees oder zum Kauen verkauft. Durch das langsame Anfluten im Gehirn und die mässige Dosierung ist das Schlucken von Kokain medizinisch wenig riskant. Perorale Zubereitungen sind für exzessive Kokainkonsumenten nicht genügend attraktiv als Ersatz für die Inhalation oder Injektion von Kokain.

 

·       Sniffen:
Pernasaler Konsum ist in der Schweiz und in weiten Teilen der Welt die häufigste Art des Kokainkonsums. Kokainsalz wird durch die Schleimhäute sehr schnell aufgenommen. Die Wirkung erreicht beim Schnupfen von Kokain in wenigen Minuten das Maximum und hält nur wenige Stunden an. Kokain verengt die Gefässe und wirkt lokal betäubend.

Die Gefässkonstriktion kann zum Absterben von Schleimhaut und tiefer gelegenem Gewebe führen. Chronisches Kokainsniffen kann darum die Nasenscheidewand zerstören und im ganzen Nasenrachenraum eitrige, gelegentlich lebensgefährliche Infektionen verursachen.

Wenn die Kokainwirkung auf die Gefässe nachlässt, erzeugt die überschiessende Durchblutung der Schleimhäute einen Schnupfen. Wässeriges Nasensekret läuft hinter dem Halszäpfchen in den Rachen und spült Kokainreste mit sich. Die lokalanästhetische Wirkung führt zusammen mit diesem postnasalen Drip zu Heiserkeit und zu gehäuften Lungenentzündungen.

Psychosoziale und kardiovaskuläre Risiken sind beim Kokainsniffen etwas geringer als beim Rauchen oder Fixen von Kokain.

 

·       Rauchen:
Kokain kann als Crack, Pasta base de coca oder Freebase geraucht werden. Die Gefässeffekte können in den Atemwegen Gewebeschäden und dadurch nekrotisierende Bronchitis und Bronchopneumonien verursachen.

Durch das rasche Anfluten und den plötzlich starken Wirkungseintritt können Verengungen in den Herzkranzgefässen oder in den Gehirngefässen zu Infarkten führen. Vor der Jahrtausendwende selten, werden heute bei den durchschnittlich älter gewordenen Kokainkonsumenten auch hierzulande Kokain bedingte Herzinfarkte und Hirnschläge in Notfallstationen häufig beobachtet.

Die psychosozialen Risiken sind beim Kokainrauchen erheblich. Der rasche Wirkungseintritt und die kurze Wirkungsdauer verursachen ein hochfrequentes Konsummuster (Tachyphylaxie). Die Einzeldosis wird oft nicht erhöht aber die Pausen zwischen dem Konsum werden immer kürzer.

 

·       Fixen:
In oder neben die Venen zu spritzen, ist wohl die gefährlichste Konsumform von Kokain (und Heroin). Stichstrassen entlang der Venen von Kokainfixern weisen manchmal nach einem einzigen Wochenende über einhundert gerötete, von einer kleinen Blutkruste bedeckte Knötchen auf. Diese zahlreichen kleinen Stichstellen sind immer mit Eitererregern infiziert, und können Herzklappenerkrankungen und weitere lebensgefährliche Folgen zeitigen.

Impetigo contagiosa, der Schleppeiter, ist die sichtbare Folge von Juckreiz bei exzessiven Kokaininjektionen: Kokain erzeugt durch zentralnervöse und peripher lokale Mechanismen Juckreiz. Durch Drücken, Kratzen und Grübeln entstehen Geschwüre auf der Haut. Diese Geschwüre werden durch Eiter erregende Bakterien besiedelt. Die Junkies der 90-er Jahre starben nicht selten an einer Blutvergiftung.

Beim Fixen werden noch grössere Kokainmengen auf einmal wirksam. Die kardiovaskulären und die psychosozialen Risiken sind noch grösser als beim Sniffen oder Rauchen.

 

Löffel

 

Die Kaffeelöffel in den Restaurants und Bars im Umkreis von Platzspitz und Letten wurden mit einem kleinen Kreuz gelöchert. Das war kein Schweizer Kreuz, sondern eine Massnahme gegen den grassierenden Löffelklau. Junkies brauchten diese Löffel, um sich die Dosis Heroin oder den Cocktail aus Sugar und Koks schussfertig zu machen und zu knallen.

 

Die Drogen wurden auf einem Kaffeelöffel mit Wasser und etwas Ascorbin vermischt und über der Flamme eines Feuerzeugs erhitzt. Dann wurde das flüssige Gemisch durch einen Zigarettenfilter in die Spritze aufgesogen. Mit einem bereitgelegten Gürtel wurde der Arm abgebunden und der Stoff in die am besten hervortretende Vene gespritzt.

 

Long Time Slow Progressors