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Platzspitz MNO

Methadon

Methadon wirkt wie Heroin oder Morphium. Aber Methadon muss nur einmal täglich eingenommen werden. Methadon wird geschluckt und sättigt den Heroinhunger der meisten süchtigen Menschen für einen ganzen Tag. Für mehr als die Hälfte ist Methadon langfristig das Mittel der Wahl und bewahrt sie vor den Risiken des Heroinkonsums. Methadon wirkt also viel länger als Heroin. Geschlucktes Methadon macht keinen Flash, wie gespritztes Heroin. Die immer etwa gleichstark bleibende Wirkung von Methadon ist für manche Abhängige nicht attraktiv.  

Methadon rettet Leben und wird von der WHO, der Welt-Gesundheitsorganisation der UNO zu Recht als eines der hundert wirklich wichtigen Medikamente gelistet.  

Methadon ist kein Opiat, denn es wird nicht wie Morphium direkt aus Opium, dem getrockneten Saft der Mohnpflanze gewonnen. Methadon wird künstlich hergestellt, es wird synthetisiert. Aber Methadon wirkt wie das Opiat Morphium oder Heroin und ist darum ein Opioid. Wer täglich Methadon schluckt, muss kein Heroin mehr nehmen. Die Wirkung von Heroin ist nicht mehr nötig, und unter Methadon verpufft sie geradezu. Die Opioidrezeptoren im Gehirn sind schon von Methadonmolekülen besetzt. Zusätzliches Heroin kann gar nicht mehr wirken. Unter täglicher Methadoneinnahme ist eine Heroinüberdosis ziemlich unwahrscheinlich. Methadon ist in der Praxis viel sicherer als Heroin; es rettet darum viele Leben. Unter Methadon muss ich nicht mehr Tag und Nacht dem Heroin nachrennen.

Methadon macht aber eine ganze Reihe von Nebenwirkungen: Verstopfungen, Blähungen, Reizdarm, Zuckerhunger. Ich kenne keine Opioidabhängigen, welche keinen Zucker in ihren Kaffee nehmen.

Methadon greift, wie alle Opioide, tief in die Hormonregulation ein. Viele Männer beklagen Libidoverminderungen, aber aggressive Männer und noch mehr deren Frauen sind manchmal recht froh über die geringere Getriebenheit ihres sexuellen Verlangens. Unter Methadon beobachten Frauen und manchmal sogar Männer Brustschwellungen und Milchfluss. Methadon kann den weiblichen hormonellen Zyklus dämpfen. Umgekehrt kann eine Frau durch die Heroinbeschaffung so gestresst gewesen sein, dass ihre Regel durch Methadon wieder einsetzt, wenn der Gassenstress aufhört. Nach jahrelangem Ausbleiben der Regel setzt der hormonelle Zyklus bei vielen Frauen oft wieder mehr oder weniger regelmässig ein. Mehrmals sah ich Schwangerschaften schon im ersten Zyklus, bevor überhaupt wieder eine Regelblutung stattgefunden hatte. Frauen mit Methadon brauchen eine sichere Schwangerschaftsverhütung. Die Hormonspirale ist das beste Mittel. 

Viele Methadonkonsumenten sind durch profuse Schweissausbrüche erheblich gestört. Frauen wähnen sich deswegen vorzeitig in den Wechseljahren. Menschen mit Methadon befürchten deswegen oder wegen ihren andauernd verengten Pupillen als Drogenkonsumenten erkannt zu werden.

Unter Methadon ist jedes Leid nicht mehr so unangenehm, Schmerzen nicht so schlimm, alles Unangenehme wird gedämpft, aber auch die grössten Wonnen und euphorischen Spitzen, welche das Leben bieten kann, sind gedämpft, das Leben ist wie in Watte verpackt. Die Wirkung von täglichem Methadonkonsum ist regelrecht langweilig. Die Wirkung schwankt im Tagesverlauf nur wenig und ist fast gleichbleibend hoch.

Methadon wirkt gleich wie Morphium und Heroin, aber die Wirkdauer im Körper ist meistens viel länger. Die weitgehenden fehlenden Wirkungsschwankungen werden als andere Wirkung wahrgenommen.

Methadon wurde von Vincent P. Dole und Mary E. Nyswander 1965 nach umfangreichen Untersuchungen in die Behandlung von Heroinabhängigen eingeführt. Methadon verbesserte die Gesundheit der Patienten sofort und langfristig: sie überlebten, sie konnten wieder arbeiten, wurden nur noch selten straffällig und verhielten sich einfach wieder wie normale Menschen. Ihre Resultate zeigten klar, dass Methadonbehandlungen alle Behandlungsziele erreichen, ausser Opioidabstinenz, welche durch keine Therapie dauerhaft erwirkt werden kann.

Robert Newman führte 1972 doppelblinde randomisierte Versuche mit Methadon in Hongkong durch. 50 Heroinabhängige erhielten Methadon in einer stabilen, gut dosierten Dosis. Die Vergleichsgruppe aus 50 durch Losentscheid ausgewählten, süchtigen Patienten erhielt zunächst ebenfalls eine kurze Zeit lang eine gute Dosis Methadon. Dann wurde die Dosis in der Vergleichsgruppe in kleinen Schritten täglich reduziert. Die Patienten und die behandelnden Ärzte kannten die verabreichten Dosen nicht. Newman bestätigte die Untersuchungen seiner Lehrer Dole und Nyswander. In der Vergleichsgruppe häuften sich die Todesfälle und nach wenigen Jahren waren alle tot, deren Dosis reduziert und welche letztlich kein Methadon mehr erhalten hatten. Spätestens 1979, als diese Resultate in der renommiertesten medizinischen Zeitschrift Lancet veröffentlicht waren, gab es keine vernünftigen Zweifel und keine medizinischen Gründe, erneute Methadonversuche durchzuführen.

Methadon: schnelle Metabolisierung

Methadon hat bei den meisten Menschen eine lange Halbwertszeit: Nach einem Tag ist erst etwa die Hälfte der eingenommenen Dosis Methadon abgebaut und aus dem menschlichen Körper ausgeschieden; ja, auch von vorgestern ist noch ein Viertel der Dosis wirksam und mehr als ein Achtel von noch früher. Die meisten opioidabhängigen Menschen müssen nur einmal pro Tag Methadon nehmen, dann ist ihr Opioidhunger gestillt.

Aber nicht wenige Menschen, in der Schweiz etwa 15 Prozent, verstoffwechseln Methadon sehr schnell. Das für den Abbau von Methadon im menschlichen Körper hauptverantwortliche Enzym CYP2D6 ist bei diesen Menschen doppelt, vierfach oder noch häufiger vorhanden. Die verantwortlichen Gene kann man heute testen und die Halbwertszeit für Methadon kann man messen.

Methadoninjektion

Methadon kann durch intravenöse Injektion Flash-Effekte auslösen, wie Heroin. Bei fehlender Toleranz oder bei kurzer Wirkungshalbwertszeit wegen schneller Metabolisierung sind Flash-Effekte sehr ausgeprägt.

Methadon wirkt auf die Gefässwände stark reizend. Durch Methadoninjektionen veröden die Venen noch schneller als durch Injektionen von Heroin oder Kokain.

Morphin, Morphium, Mo

Morphium, Morphin, ist ein Opiat und ein Opioid. Gespritztes Morphium macht Histaminreaktionen, welche bei hoher Dosis unerträglich sind. Morphinisten spritzen sich darum in der Regel kleine Dosen von 10 oder 20 mg; aber Morphinisten spritzen sich, um ihren opioiden Hunger zu stillen, zehn und noch mehr Male pro Tag.

Morphin-retard-Tabletten, wie Sevrelong®, MST continus® oder Kapanol® setzen das Morphium im Darm nur langsam frei. Morphium Retards sind in hohen Dosierungen für die Substitutionsbehandlung von Opioidabhängigen eine gute und sichere Alternative zu Methadon.

Opioid

Opioide sind Substanzen, welche dieselbe Wirkung wie Morphium haben. Die meisten Opioide sind keine Opiate; sie sind synthetisch und können nicht direkt aus Rohopium gewonnen werden.

Endorphine sind körpereigene Opioide. Endorphine und von aussen zugeführte Opioide wirken an den Opioidrezeptoren spezieller Nervenzellen. Opioide können in hohem Masse süchtig machen.

Opioidabhängigkeit

Die Opioidabhängigkeit ist eine Modellkrankheit für alle chronischen Süchte. Sie hinterlässt fast immer eine bleibende Narbe. Aber diese ist meist grösser als die Narbe der Sucht von irgendeinem anderen Suchtmittel, ja oft auch viel grösser als die Narbe von Alkoholsucht. Es lohnt sich, genau hinzusehen, welchen Preis diejenigen zahlen, welche sich aus dieser Sucht befreien möchten. Die Heroinsucht ist einerseits exemplarisch für die Korrumpierbarkeit und für die Flexibilität des am Belohnungssystem hängenden Säugetierdaseins. Heroinsucht ist andererseits auch speziell, weil sie meist eine besonders deutliche Spur der Verwüstung im Gehirn des Menschen hinterlässt und meist nicht überwunden werden kann.

Im menschlichen Körper gibt es viele Nervensysteme, welche wesentlich durch Opioide gesteuert werden: Wärme- und Kälte-, Schmerzempfindung, Hunger, Darmtätigkeit, Wachheitsgrad, Angst, Euphorie, Depression und sexuelle Lust. Jede Freude und jedes Leid und vieles mehr sind opioidabhängig.

Alle Opioidrezeptoren tragenden Zellen passen sich einer andauernden Opioidwirkung an. Die Wirkung täglichen Konsums von Heroin oder von Methadon wird schon nach wenigen Tagen schwächer. Für dieselbe Wirkung muss die Dosis erhöht werden. Der Körper wird tolerant. Jede einzelne Opioidrezeptoren tragende Zelle wird tolerant; sie reagiert nicht mehr so stark. Die Verbindungen zu anderen Zellen werden entsprechend neu aufgebaut oder verringert.

Wenn kein Heroin oder Methadon mehr eingenommen wird, kommt der Körper auf Entzug. Das akute Entzugssyndrom dauert mindestens drei Tage: Breite Teller, das sind grosse Pupillen, Niessen und das Erwachen sexuellen Verlangens kündigen den Beginn des Entzugs an. Weniger angenehme Symptome setzen auch bald ein: Zittern, motorische Unruhe, Durchfall, Bauchkrämpfe, Schmerzen am ganzen Körper, Herzrasen, Angst und tiefste Verzweiflung, dass das nie ein Ende nehmen wird. Im akuten Entzug erwarten die opioiden Nervenzellen Heroin, aber es kommt nicht mehr. Die Nerven sind im Entzug für Opioide überempfindlich, da sie hohe Dosen gewohnt sind. Die körpereigenen Endorphine können die ausbleibende regelmässige Zufuhr von Opioiden nicht genügend kompensieren. Alle Entzugssmptome lassen sich so erklären: Kältegefühle, Zittern, kalter Schweiss, Der Cold Turkey wird durch überempfindliche opioidabhängige Nervenzellen im Hypothalamus über den Hirnanhangsdrüsen ausgelöst, Angst und Depression in der Amygdala und im Hippocampus. Die Schmerzempfindung wird an vielen Stellen, vor allem im Gehirn und Rückenmark durch Opioide reguliert; die entsprechenden Nervenzellen sind im Entzug überempfindlich und darum tut alles weh. Die ausgedehnten opioidabhängigen Nervennetzwerke im Magendarmtrakt werden im Entzug überempfindlich und verursachen dadurch Durchfall und Krämpfe.

Das chronische Opioidentzugssyndrom ist weniger bekannt aber eine ganz offensichtlich verbreitete Krankheit. In unserer ärztlichen Praxis sahen wir wohl mehr als hundert Fälle. Andauernde schwerste Schlafstörungen, Unruhe, Getriebenheit, ständiges Frösteln, Durchfall, Reizdarm, schwere und schwerbehandelbare Depressionen. Alle vom akuten Entzug auftretenden Beschwerden können einzeln oder kombiniert über Monate und Jahre der Opioidabstinenz anhalten und nie mehr verschwinden. Meistens leiden diese Menschen nur an einem oder wenigen dieser Symtome. Am häufigsten beobachtet man in diesen Fällen die Symptome der Fibromyalgie: Schmerzüberempfindlichkeit der Glieder, Muskeln und Knochen. Die meisten Patienten leiden so stark, dass sie wieder mit Heroin oder sonstigem Opioidkonsum beginnen.

Es ist keine moralische Schwäche, welche abstinente Opioidabhängige immer wieder zum Opioidkonsum zwingt. Nach dem Opioidentzug können sich nicht alle neuronalen Netzwerke wieder so wie vor der Sucht einstellen. Zwar passen sich die meisten Opioid empfindlichen Zellen der verminderten Opioidzufuhr in wenigen Tagen wieder an, aber nicht alle. Aber der Thermostat, der Temperaturregler und die anderen Regelsysteme können sich oft nicht vollständig wieder auf Normal stellen. Nur ein Teil der von der Heroinsucht verursachten Veränderungen ist reversibel. Es bleibt eine Art innere Narbe: das chronische Opioidentzugssyndrom.

Opiate

Opiate sind natürlicherweise im Opium, dem getrockneten Saft der Mohnblume Papaver somniferum vorkommende Substanzen. Die reife Mohnblumenkapsel wird geritzt und der Opiumsaft tropft daraus hervor. Durch Sieden und Verdampfen können die Opiate aus dem Rohopium voneinander getrennt werden.

Nicht alle Opiate haben eine opioide Wirkung.

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