druck.gif

Platzspitz PQRS

Paranoia

Paranoia, Verfolgungsideen oder ein eigentlicher Verfolgungswahn, ist eine häufige Folge von andauerndem Konsum von Kokain oder Amphetaminen. Durch exzessives Spritzen von Kokain tritt typischerweise ein Zoonosenwahn auf, mit Halluzinationen von Kokainwürmern oder von Insektenbefall der Haut.

Platzspitz

Am Platzspitz vereinigen sich die beiden Stadtflüsse Sihl und Limmat. Der ruhige Park hinter dem Landesmuseum und dem Hauptbahnhof wird von mächtigen Laubbäumen überdacht. Auf dem Platzspitz wurden die Schiessübungen und Schiesswettbewerbe der Männer und das Knabenschiessen durchgeführt. Im 19. Jahrhundert wurde der Park zur romantischen Anlage gestaltet und Gesangswettbewerbe durchgeführt. Im Rondell, dem Musikpavillon, traten bis nach dem zweiten Weltkrieg stramme Blasmusikkapellen auf.

Seit Ende der 1960er-Jahre wurde die polizeiliche Repression gegen Drogenkonsum laufend vervielfacht. 1981, nach der Schliessung des autonomen Jugendzentrums AJZ an der Sihl, fühlte sich ein grosser Teil der Staatsmacht durch die Achtzigerbewegung gedemütigt und aufs Äusserste provoziert. Die Vertreibung und die Verfolgung von Heroinsüchtigen wurden noch systematischer betrieben, vergeblich. Mitte 1986, nach Rücknahme des angeblichen Verbotes Spritzenabgabe an Drogenabhängige, resignierte die Polizeiführung. Bis Februar 1992 wurde auf dem Platzspitz kein polizeilicher Ordnungsdienst mehr vollzogen und man tolerierte den Drogenbazar. So entstand die Szene im Needle Park auf dem Platzspitz.

 

Platzspitzhirsch

Platzspitzhirsch mit blutigem Auge:

Der kupfergrüne bronzene Hirsch hatte einst einen Brunnen verziert. 

Das linke Auge des Platzspitzhirschen war in den Achtziger Jahre blutrot tropfend angemalt worden. Einäugig beobachtete er aus seinem Versteck bei der Limmat das fürchterliche Geschehen auf der Drogenszene.

 

Das blutige Auge des Platzspitzhirschs ist der Buchtitel meiner Erinnerungen an Menschen, Seuchen und den Drogenkrieg, welches im September 2020 im Verlag Elster&Salis erscheint. 

 

Prävention

Niemand wird ernsthaft behaupten, dass die verelendeten Drogenkonsumenten auf dem Platzspitz und Letten wegen Präventionskampagnen ihr süchtiges Verhalten geändert haben. Die Zahl der Neukonsumenten von Heroin ist vermutlich vor allem deswegen zurückgegangen, weil in den Peergroups niemand mehr Heroin angeboten hat. Es ist uncool damit zu plagieren, dass ich Methadon oder Heroin beim Doktor beziehe. Die Gelder und die Massnahmen zur Drogenprävention sind sicher nicht Ursache oder Erklärung der massenhaften Veränderung der Verhaltensweisen der Süchtigen vor einem Vierteljahrhundert.

Prävention im Sinne von Publikumskampagnen gegen Drogensucht hat nie eine Wirkung inbezug auf den Konsum von Heroin beweisen können. Die Mittel, welche Präventionskampagnen benutzen, entsprechen ungefähr den Techniken und Mitteln, welche auch in Werbekampagnen für Produkte und Politkampagnen Verwendung finden. Nach Kriterien der Medienwissenschaften kann allen Präventionskampagnen nur grenzwertig ein Nutzen zugeschrieben werden. Eine Botschaft mit negativem Inhalt, „Tu das nicht, Mach das nicht“, ist werbetechnisch sehr schwierig und nur ausnahmsweise vermittelbar.

Prove: «Heroinversuche»

In seinem PROjekt für eine ärztliche VErschreibung von Betäubungsmitteln (ProVe) wollte das Bundesamt für Gesundheitswesen BAG 1994/95 prüfen, ob und wie eine kontrollierte Drogenabgabe durchgeführt werden kann. Kann Drogenkonsum dereinst möglichst vollständig im legalen, im ärztlich kontrollierten Rahmen abgewickelt werden? Unter der Führung von Bundesrat Flavio Cotti beschloss das BAG Versuche nicht nur mit Methadon und Morphin, sondern auch mit Heroin (Heroinversuche) und Kokain durchzuführen. In den multizentrischen Versuchen sollten die Machbarkeit und Wirksamkeit an einer grossen Zahl von Patienten geprüft werden

Rondell

Im Rondell des Platzspitzparks ist eine luftige Metalldach-Konstruktion im Jugendstil. In früheren Zeiten traten dort flotte Marschmusik-Kapellen auf. Der Platzspitz war einst Sonntags-Treffpunkt der herausgeputzten Zürcher Bourgeoisie.

Als der Platzspitz der Zürcher Needle-Park und die Schweizer Drogenhölle war, war das Rondell das eigentliche Zentrum des Kleinhandels. Einige besonders elende Gestalten lebten dort Tag und Nacht.

Rückführungszentrum

In der Zürcher Kaserne betrieben die Behörden unter dem Vorwand der Fürsorge in den Neunziger Jahren ein Rückführungszentrum. Jahrelang wurden dieselben ein- oder zweihundert nicht in Zürich wohnenden Junkies immer wieder von der Polizei verhaftet, ins Rückführungszentrum geschafft und in ihre Heimatgemeinden verfrachtet, wo noch keine Methadonabgabe funktionierte. Alle waren am nächsten Tag wieder in Zürich.

Das Rückführungszentrum ermöglichte Sozialarbeitern und Zürcher Behörden, sich um jeden auffälligen Süchtigen zu kümmern. Die Betroffenen waren böse gesagt Geiseln der Stadt Zürich. Das Rückführungszentrum entfaltete am ehesten eine Wirkung als politisches Druckmittel gegen untätige Behörden der näher oder ferner umliegenden Gemeinden. Die Drogenszene wurde rein quantitativ aber nicht wegen diesem Repressionsinstrument aufgelöst. Erst als jeder auch im hintersten Dörfchen mit Methadon versorgt wurde, gelang dies.

Schadenminderung

Massnahmen zur Schadenminderung, «Harm Reduction», zielen auf das Leben, die Erhaltung der Gesundheit und Vermeidung von jedem Schaden durch den Konsum von Drogen. Die Abgabe von sterilen Injektionsutensilien (Spritzenabgabe) und die Abgabe von Methadon oder anderen Opioiden wie Morphin retards, Buprenorphin oder Heroin sind nachweislich sehr wirksam zur Vermeidung von Infektionen durch HIV, HBV, HCV und Eitererreger (Staphylokokken). Opioidabgaben / Opioidsubstitutionen verbessern alle relevanten gesundheitlichen Parameter und vermindern die Sterblichkeit um mehrere 100 Prozent. Sie vermindern Prostitution und Beschaffungskriminalität um das Vierfache und sie verbessern die psychosoziale Integration (Arbeit, Wohnen, Zusammenleben).

Schadenminderung ist eine der vier Säulen der offiziellen Schweizer Drogenpolitik seit 1991.      

Schleppeiter: Impetigo contagiosa

Impetigo contagiosa, der Schleppeiter war die vielleicht sichtbarste Krankheit der Junkies auf dem Platzspitz und am Letten. Schleppeiter ist die sichtbare Folge von Juckreiz bei exzessiven Kokaininjektionen.

Durch Drücken, Quetschen, Kratzen und Grübeln entstehen Geschwüre auf der Haut. Diese Geschwüre werden durch Eiter erregende Bakterien besiedelt; das sind meistens Staphylokokken. Aus diesen Eiterherden können die Bakterien durchs Blut in den Körper geschwemmt werden. Herzklappen, Lungen, Hirn und andere Organe können entzünden. Junkies der 90-er Jahre starben an dieser Blutvergiftung nicht selten.

             

Schwangerschaft

Schwangerschaft ist bei Heroinabhängigen Frauen seltener als bei Gleichaltrigen aber keine Seltenheit.

Heroinkonsum führt zu starken Wirkungsschwankungen und beeinflusst die Durchblutung der Plazenta; gefährliche Schädigungen sind vor allem im letzten Drittel der Schwangerschaft möglich.

Kinder Heroinabhängiger Mütter leiden nach der Geburt oft an einem langdauernden opioiden Entzugssyndrom. Diese Kinder Schreien manchmal wochenlang, unstillbar und auf herzergreifendste Art. Das nachgeburtliche Entzugssyndrom ist nicht gefährlich und kann gut behandelt werden.

Opioidabhängige Schwangere sollten so bald wie möglich stabil auf Methadon eingestellt werden. Methadon kann schwangere Mütter häufiger und dauerhafter in Behandlung behalten als Buprenorphin. Obwohl mit Buprenorphin möglicherweise etwas weniger häufig kindliche Entzugsbeschwerden beobachtet werden, erscheint es viel wichtiger, Schäden während der Schwangerschaft zu vermeiden und eine möglichst hohe Zahl an süchtigen Schwangeren in einer stabilen Behandlung betreuen zu können.

Kokain kann in der Frühschwangerschaft zu kaum im Ultraschall erkennbaren Missbildungen und Abort führen, in der Spätschwangerschaft zu Frühgeburten.

Seelenheil

Ärzte sind keine Priester. Das Seelenheil ist nicht das erste Ziel der Medizin. Drogenfreiheit, Abstinenz, Enthaltsamkeit sind nicht die ersten Ziele in der Behandlung eines Süchtigen. Auch Suchtmedizin und Psychiatrie müssen sich als Teil der Medizin und das Leben selbst als höchstes Gut begreifen.

Sniffen

Beim Sniffen werden Drogen durch die Nase konsumiert. Wasserlösliches Pulver von Kokain oder Heroin kann gesnifft werden. Die Wirkung tritt nicht ganz so schnell auf wie beim Fixen oder Spritzen. Kokain und andere Stimulantien können beim Sniffen die Nasenschleimhäute schädigen. Gefässverengende Wirkungen können ein Absterben von Schleimhaut bewirken und Infektionen begünstigen. Die Nasenschleimhaut und sogar das Gaumendach kann durch diese eitrigen Nekrosen zerstört werden (Ozaena: Stinknase).

Spritzenabgabeverbot

Im April 1985 verkündete der Kantonsarzt Gonzague Kistler es sei Medizinalpersonen wie Ärzten und Apothekern verboten, sterile Spritzen und Nadeln an Drogenabhängige zu verkaufen oder abzugeben.

Ärzte und Strafrechtsexperten widersprachen. Weder medizinisch noch rechtlich war das sogenannte Spritzenabgabeverbot gerechtfertigt. Die polizeiliche Wegnahme von sterilen Spritzen ist gesetzwidrig und möglicherweise sogar strafbar. Nachweislich wird Leib und Leben der Fixer bedroht und durch ansteckende Viren wird die Gesundheit des Volkes gefährdet.

Das angebliche Verbot der Spritzenabgabe musste im Juli 1986 von den Behörden zurückgenommen werden. Eine regelmässige Spritzenabgabe konnte auf dem Platzpsitz erst ab Dezember 1988 durch das ZIPP-Aids gewährleistet werden.  Bis zur Schliessung des Platzspitzparkes Februar 1992 wurden durch ZIPP-Aids 7 Millionen Spritzen und 9 Millionen Nadeln abgegeben, zeitweise 10‘000 pro Tag. 

Spritzenabszess


Ausgeräumter Spritzenabszess in der Leiste

Beim Spritzen von Drogen läuft immer etwas Blut ins Gewebe. Eine Minute lang Draufdrücken vermindert das, Reiben verschlimmert begünstigt eine Entzündung.

Im ausgelaufenen Blut gedeihen Eiter erregende Bakterien besonders gut. Eventuell haften sie an der rauhen Oberfläche von mikroskopisch kleinen Partikeln: Verunreinigung, Glasstaub der Ampullen, Steckmittel. Je mehr Eiter einen Körper belastet, desto wahrscheinlicher können Bakterienklümpchen vom Blut in die Lunge, durch das Herz und in lebenswichtige Organe verschleppt werden. Daraus entstehen die oft tödlichen Herzklappenentzündungen (Endocarditis) und Sepsis. 

Streckmittel

Streckmittel sind in illegal verkauften Drogen häufig nachweisbar. Bei illegalen Drogen sind die schwer vorhersehbaren Wirkkonzentrationen riskant. Die Risiken der Streckmittel selbst werden oft überschätzt; tödliche Folgen sind selten. Am ehesten können Streckmittel gefährlich werden, wenn sie als kleine, unsterile Körperchen nicht in die Venen, sondern neben die Venen gespritzt werden; dort werden ihre rauhe Oberfläche und mikroskopischen Nischen zu Keimzellen für bakterielle Infektionen und Sepsis.

Subutex

Subutex® ist der Markenname von →Buprenorphin→Merkblatt PDF

Sucht und Suchtmedizin

Sucht, Siechtum und Seuche sind ursprünglich verwandte Worte, gerechte Strafen Gottes. Rechtschaffene Christenmenschen kämpfen gegen dieses Teufelszeug und gegen alle Sünden. Wer sich mit Süchtigen abgibt, kann in Verruf geraten.

Suchtmedizin galt auch hierzulande als Schmuddelmedizin. Die Tätigkeit ist allerdings medizinisch in jeder Hinsicht sehr anspruchsvoll und vielseitig. Suchtmedizin ist hierzulande für hochqualifizierte Ärztinnen und Ärzte attraktiv. Das ist eine wesentliche Grundlage für den Erfolg der schweizerischen Drogenwirklichkeit.

Zwei Narrative scheinen mir das Drama der Drogenpolitik und des Drogenkrieges zu gestalten. Auf der einen Seite steht der Kampf gegen die Sucht, den Kontrollverlust, den Sumpf der Begierden, gegen die Sünde und auf der anderen Seite stehen der Kampf für die Freiheit, die Rebellion gegen Zwänge und Unterdrückung. Beide Mythologien berühren die Wirklichkeit wenig und wirken bei der Bewältigung der realen Probleme vor allem hinderlich.

Sugar

«Sugar» (engl. Zucker) riefen die Kleindealer auf dem Platzspitz um Heroin anzubieten. Heroin auf der Gasse ist auch «Brown Sugar» (engl. brauner Zucker). Hochreines Heroin ist als Pulver weiss und als Lösung helldurchsichtig.  

AB  →CDE  →FGH  →IKL   →MNO                          →TUVWXYZ