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Texte


 

Krieg und Katastrophen galten schon fast überwunden. Die Seuche kam nicht so, wie wir sie uns noch hätten vorstellen können. Die Seuche hiess Suchtdrogen und Aids. Sie war hochansteckend.

Das blutige Auge des Platzspitzhirschs

Eine Leseprobe, Verlag Elster&Salis

 

Friedhofsgefühle
"Das Magazin" November 2017

Methadon, Heroin und andere Opioide, Verlag Hans Huber Bern, 1998, ISBN: 9783456829081

Lehrbuch: André Seidenberg & Ueli Honegger

Wissenschaftliche Publikationen zum Thema
Suchtmedizin Liste bis 2009
 

 

Essais, Meinungen und Aktuelles

Hemmungen beim Schreiben eines Buches
Drogen und Sucht als  Metaphern

Drogen und Sucht sind real, aber sie sind auch wirkmächtige Metaphern. Solche Bilder sind Denkfahrzeuge, mit welchen wir uns die Erde untertan machen. Bilder sind Instrumente jeder menschlichen Herrschaft. Bilder begründen und zementieren Regentschaft, schreckliche und irgendwelche Regentschaft. Bilder gehörten verboten. „Du sollst Dir kein Bildnis machen“, lautet die uralte Aufforderung zur Freiheit. Und doch konnte noch keine Herrschaftskritik auf Bilder verzichten. Bilder fesseln, betören und regieren. Bilder erschlagen die Feinde. Und Feind ist noch jeder, der sich einer Herrschaft widersetzt. Bilder werden mit neuen Bildern erschlagen. Denkfahrzeuge gleichen einem Tanker, der eher durch einen anderen Tanker zerstört wird, als dass er sich von alleine kaputt fährt. Der Streit der Bilder ist eine ödipale Geschichte, und doch ist sie wesentlicher Teil unserer Geschichte.

Bevor ich aufrufe, die Droge als Metapher, als Paradigma, als Bild, ernst zu nehmen, zu dekonstruieren, zu analysieren und die Herrschaft der Drogen zu zerschlagen, muss ich eine Hemmung überwinden. Wie leicht werden Patienten Etiketten angehängt, werden ihnen vorgefertigte Diagnosen wie Abziehbildchen angeklebt, wie Masken über ihr Gesicht gestülpt. Die Rettung des Seelenheils, die Weltsicht des Therapeuten, erzeugt Patientenbilder.

In bester Absicht erzeugen die therapeutischen Bilder von Menschen neues Leid. Wie leicht geschieht das in den einzelnen Therapien, und wie leichtfertig zeichnen psychologische Theorien Bilder von Menschen, die mehr schaden als helfen. Krankengeschichten von Drogenkranken sind voll solchen Leids, gefüllt mit Bildern von Therapien, Theorien, Sprachen der Bemühungen um ein nie erreichtes Ziel. In den Spuren von therapeutischen Verheerungen, in Krankengeschichten erscheinen Drogen und Sucht als Mythen aus gewalttätigen Bildern.

Narrative, Mythen und Ideologien sind geschichtswirksam. Zwei Narrative scheinen mir das Drama der Drogenpolitik und des Drogenkrieges zu gestalten. Auf der einen Seite steht der Kampf gegen die Sucht, den Kontrollverlust, den Sumpf der Begierden, gegen die Sünde und auf der anderen Seite stehen der Kampf für die Freiheit, die Rebellion gegen Zwänge und Unterdrückung.

Bin ich scheinheilig? Leugne ich meine eigenen ärztlichen Machtansprüche? Habe ich nicht ein Buch zum Thema Drogen und Sucht geschrieben? Reicht es, zu betonen, dass ich das Aufbegehren meiner Drogenpatienten gegen ihren Arzt gut verstehe?

Sie kamen zu mir als ihrem Arzt. Sind sie allein deswegen Patienten? Von Klienten zu sprechen, wäre scheinheilig, von Freunden zu sprechen, wäre in den meisten Fällen anmassend.

Das Aufbegehren gegen die mächtig verordneten Bilder und das verzweifelte Anpassen an die illusionären Bilder dieser Gesellschaft haben Chris Bänziger und Gertrud Vogler in ihrem Buch ‚Nur sauber gekämmt sind wir frei‘ geschildert und bebildert.

Ich wollte von meinen Hemmungen sprechen, über Sucht und meine Patienten zu schreiben. Ich hatte Angst, dass meine Patienten für neue Drogenbilder bestraft würden. Ich hatte Angst, die mächtigen Metaphern von Sucht nur schon zu benennen. Den Namen nur schon in den Mund zu nehmen, kann bekanntlich tödlich sein. Das Suchtparadima ist so mit dem Heil der Gesellschaft verknüpft, dass Todesopfer notwendig geworden sind. Es ist Krieg! Drogenkrieg! Ich hatte aber auch Hemmungen, Gegenbilder, Metaphern und Mythen der Freiheit zu zeichnen, weil solche Bilder nur zu oft missraten. Welcher Heilsentwurf hat nicht Unheil gebracht?

Sollen Beispiele genannt werden? Sophokles und Sigmund Freud haben mit ihrem Ödipus die Frauen ziemlich erschlagen. Hat nicht die kritische Theorie der Frankfurter Schule Auschwitz zum moralischen Angelpunkt unserer Gesellschaft erkoren. Norbert Elias hat deswegen gesagt, sie tun ihm leid. Ist nicht unser Herr, Jesus Christus gestorben, um unser aller Leid zu lindern und die Menschen zu erlösen? Ist nicht der Mord an einem Juden der moralische Angelpunkt, die Achse, das zentrale Bild des Christentums, welches seit bald zwei Jahrtausenden Juden und zu Tode schlägt?

Die Suche des Heils im grössten Elend und Schwäche hat uralte Tradition. Will ich die Drogenkonsumenten zu den Juden unserer Gesellschaft machen? Nein, hier sollen nicht Drogenkonsumenten mit Bildern erschlagen und geopfert werden. Hier sollen weder neue noch alte Drogenparadigmen mit einem verzweifelten Heilsanspruch verknüpft werden.

Ich möchte mich beschränken auf die Analyse. Analyse heisst hier, mit möglichst vielen Bildern ein Bild hinterfragen, abklopfen, dass aus diesem Entgegenstellen sich der Sinn erschliessen lasse. Das Bewusstsein als Heilsbringer? „Wo Es war soll Ich werden“, sagte Sigmund Freud. Und doch kann keine Analyse, keine Kritik oder Dekonstruktion auf Bilder verzichten. Gibt es aus dieser ödipalen Tragödie denn kein Entrinnen?

Kann man heilen? Eine ganze Industrie behauptet das. Ich bin mir – in aller Bescheidenheit – nicht sicher. Das Heil der menschlichen Gesellschaft, gibt es das überhaupt? Die Ethnologen suggerieren schon, dass es glücklichere und weniger glückliche Gesellschaften gäbe. Aber den Heilsplan, den Entwurf des gesellschaftlichen Glücks, gibt es den?

 

Cocisafe: für eine sichere Kokainabgabe

Die kontrollierte Abgabe von Kokain wird drogenpolitisch oft gefordert. Es gibt zur Zeit aber für Kokain keine Zubereitungen und Abgabemodalitäten, welche sowohl den Bedürfnissen der Konsumenten als auch der medizinischen Sicherheit gerecht werden könnten. Ohne das, ist die Kokainabgabe aber nur die gefährliche Forderung von politischen Hasardeuren.

Im Rahmen der sogenannten Heroinversuche (Prove) des schweizerischen Bundesamtes wurden 1994 Versuche mit Inhalativa nicht nur von Heroin, sondern auch von Kokain durchgeführt.

Tabak haltige Zigaretten und Waldmeisterzigaretten sind zur Inhalation von Heroin oder Kokain aus medizinischer Sicht ungeeignet. Die Risiken des Rauchens von Tabak sind allgemein bekannt. Wegen dieser inhärenten medizinischen Risiken können mit Kokain beeimpfte Zigaretten (Cocqueretten) nicht in die legale Marktordnung für Medikamente und Medizinalprodukte aufgenommen werden.

Obwohl die Versuche mit Heroinhaltigen Zigaretten (Sugaretten) und Cocqueretten vorzeitig beendet werden mussten, zeigten sie, dass die Inhalation von Heroin und speziell auch von Kokain für exzessive Drogenkonsumenten sehr attraktiv ist. Die Entwicklung von sicheren inhalativen Zubereitungen für Heroin aber vor allem für Kokain ist aus medizinischer Logik von grösster Dringlichkeit. Das bedarf der Erklärung, denn die Inhalation von Kokain als Crack, Pasta base de coca oder Freebase ist nicht frei von erheblichen gesundheitlichen Gefahren.

Die ideale Kokainabgabe muss folgenden Anforderungen genügen:

·       Die ideale Kokainabgabe kann die Effekte aller Konsummuster und Konsumarten von Kokain imitieren.

·       Die Effekte müssen mindestens so attraktiv sein, wie die Effekte, welche der Kokainabhängige gewohnt ist. D.h. die wirksame Dosis muss vergleichbar gross sein und im Gehirn vergleichbar schnell anfluten.

·       Die Risiken des Sniffens, Rauchens und der Injektion von Kokain müssen vermieden werden.

Die direkte Applikation von Kokain aus im Körper implantierten Depots ist eine nahe liegende Idee. Technische Lösungen für die Dosierung sind beispielsweise für Insulin bei Diabetikern weit fortgeschritten. Leider sind diese Depots für Kokainsüchtige gefährlich; sie müssen durch die Haut hindurch, mittels steriler Injektionen befüllt werden. Erfahrungen bei an Krebs oder Aids Erkrankten zeigen, dass Depotsysteme (Port-aCath) bei Injektionsdrogenkonsumenten, nach wenigen Monaten praktisch ausnahmslos mit lebensbedrohlichen Eiterrregern infiziert sind.

Kokain kann am Zahnfleisch, in der Nase, Nasennebenhöhlen, Rachen und Bronchien chronische, eitrig nekrotisierende Entzündungen mit gefährlichen Langzeitfolgen verursachen. Die Kokainaufnahme in den Lungenbläschen ist dagegen wenig riskant, wenn die höher gelegenen, übrigen Atemwege geschont werden können, und wenn die Dosis präzise kontrolliert werden kann. Die Gesamtoberfläche der Alveolen der Lunge ist um ein Vielfaches grösser als in den übrigen Atemwegen; in wenigen Sekunden können dort grosse Mengen von gasförmigen Drogenmengen ins Blut aufgenommen werden.

Kardio- und cerebrovaskulär vorbelastete Menschen können durch plötzliche Wirkungen vor allem durch Rauchen oder Spritzen von Kokain in unmittelbare Lebensgefahr geraten. Eine sorgfältige ärztliche Kontrolle des Gesundheitszustandes und der zur Wirkung gelangenden Kokaindosis kann diese Risiken möglicherweise genügend vermindern.

Wie bringt man Kokain in genügender und präzis kontrollierter Dosierung in die Lunge?

Kokaindampf kann durch Vaporizor mit elektrischer Erwärmung erzeugt werden. Ein Vaporizer könnte zur Dosierung präzise gesteuert werden; eine ärztliche Kontrolle ist technisch machbar. Kokaindampf vermindert im Vergleich zu Cocqueretten einen Teil der unerwünschten Effekte an den Atemwegen. Die chronischen Effekte von heissen Kokaingasen sind aber nicht genau bekannt. Effekte in den oberen Atemwegen werden mit Vaporizern vermutlich nicht sicher genug vermieden. Die lokalanästhetische Wirkung könnte schädliche Effekte von Kokaindampf im Nasenrachenraum maskieren.

Inhalationssysteme sind für eine medizinisch vertretbare Kokainverschreibung und Kokainabgabe unverzichtbar. Durch Liposomierung können mikroskopisch kleine, von einer dünnen Fettschicht überzogene kokainhaltige Bläschen erzeugt werden. Die 4-5 µm grossen Kokainliposomen könnten mit einem Spray kalt inhaliert werden. Durch die Fettschicht der Liposomen werden Effekte an den höheren Atemwegen vermieden.

Durch Fingerprint-Erkennung und elektronische Programmierung können im Cocisafe Spray und Kokainbehälter gesichert werden. Erprobte Dosierungsmuster können vom Arzt verordnet und individuell angepasst werden.

Für die Kokainabgabe im Medizinalsystem müssen Abgabetools geschaffen werden, die einerseits den süchtigen Bedürfnissen genügende Dosierungen ermöglichen und andererseits gefährlichen Exzesskonsum beschränken. Kaltinhalation, Fingerprint-Erkennung und elektronische Programmierung könnten dies gewährleisten.

Für eine medizinisch vertretbare Kokainabgabe sind Entwicklungskosten in mehrstelliger Millionenhöhe zu erwarten. Nur Produkte deren Qualität alle normalen Standards der medizinischen Marktordnung erfüllt, werden eine reguläre Drogenabgabe durch das Medizinalsystem erlauben.

 

Cannabispolitik? 24.6.2020

Der Bundesrat will Ärzten erlauben, Rezepte zum Kauf von Cannabis auszustellen, aber der Bundesrat will weiterhin das Geniessen von Cannabis verbieten.

Unsere Drogenpolitik ist bisher mit ihrer ehrlichen, schweizerischen Geradlinigkeit gut gefahren. Ärzte schreiben Rezepte aufgrund medizinischer begründbarer Diagnosen. Medizinisch gut begründbar sind die meisten in den amerikanischen Ländern üblichen Diagnosen für Cannabisrezepte nicht. Cannabis ist ungeeignet für die meisten empfohlenen Anwendungen gegen Schmerzen, Krämpfe und vieles mehr, oder es ist zweite und dritte Wahl. Cannabissüchtige brauchen Cannabis, wenn sie nicht abstinent sein können.

Es gibt nur eine gute Begründung für die Verschreibung von Cannabis:
Die Abhängigkeit von Cannabis.

Die individuellen und gesellschaftlichen Schäden durch den illegalen Cannabismarkt sind verheerend und müssen gestoppt werden. Aber wir brauchen dazu keine verlogene Medizin und keine korrumpierten Apotheker und Ärzte.

Der Bundesrat will den Genuss von Cannabis verbieten. Lassen Sie sich das einmal auf der Zunge vergehen! Für dieses Verbot nimmt der Bundesrat möglicherweise weiterhin unangemessene Risiken in Kauf.

Verlogenheiten, Hypokrisie, haben in der Medizin nichts verloren. Das ist nicht vorwiegend ein moralisches Problem, sondern ein therapeutisches Erfordernis. Wenn ich Cannabisprodukte auf medizinisch wackliger Grundlage verordne, kann ich die zugrundeliegende Suchtproblematik kaum noch mit dem Patienten besprechen. Der Patient leidet ja an einem Schmerzsyndrom, an Epilepsie, an Spasmen, an Befindlichkeitsstörungen und ist nicht süchtig. Er muss und kann seine Sucht gar nicht mehr erkennen. Der Staat hat im Verhältnis von Patient und Arzt nur für Sicherheit zu sorgen; der Staat soll keine gefährlichen Unsicherheiten schaffen!

Die Vorschriften für die Verschreibung von Cannabis müssen so gestaltet werden, dass sie für jeden Arzt praktikabel sind. Die Betäubungsmittelkontrolle soll sich ausschliesslich an den Erfordernissen der Patientensicherheit orientieren. Das schweizerische Betäubungsmittelgesetz rekurriert schon seit eh auf «die anerkannten Regeln der medizinischen Wissenschaften». Daran sollten wir uns auch in Zukunft halten.

 

Erfolgreiche oder wirksame Drogenpolitik?

Wie können Probleme mit Drogen vermindert werden?
Was nützt dem einzelnen Drogenabhängigen und
Was nützt der ganzen Gesellschaft?

Gut konzipierte Methadon- und Heroinbehandlungen vermindern die Sterblichkeit, Erkrankungen und sozial unerwünschtes Verhalten, wie Prostitution, Kleinkriminalität, Arbeitslosigkeit und Obdachlosigkeit. Sie verbessern die Gesundheit und psychosozialen Parameter grundlegend. Mit Methadon- und Heroinbehandlungen sterben viermal weniger Menschen, viermal weniger werden krank, nur noch wenige gehen auf den Strich, bestehlen andere Menschen oder verwahrlosen.

Seit Jahrzehnten weiss man aus kontrollierten Studien und anderen wissenschaftlichen Untersuchungen, wie Opioidabhängige am besten behandelt werden sollten. Leider wird dieses Wissen nicht allgemein umgesetzt.

Im Bereich der Suchtmedizin scheinen andere Regeln zu gelten als sonst in der Medizin. Bis in die jüngste Zeit wurden Methadon- und Heroinbehandlungen immer wieder an Menschen auf ihre Wirksamkeit hin überprüft, als würden nicht schon jahrzehntelang eindeutige Resultate vorliegen. Einige Versuche sind darum regelrecht als unethische Experimente an Menschen zu werten.

Die Interessen aller Beteiligten sorgen in der Medizin normalerweise dafür, dass, sich als wirksam erweisende, Behandlungen und Vorgehensweisen rasch möglichst allen in Frage kommenden Patienten zugutekommen. Nicht so im Bereich der Suchtmedizin. In den meisten Ländern sind nur eine Minderheit der Opioidabhängigen in gut kontrollierten Methadon- oder Heroinbehandlungen. Die evidenzbasierte Wirksamkeit hat sich in kaum einem anderen Feld der Medizin so wenig durchgesetzt, wie im Bereich der Suchtmedizin.

Hier ist die Frage nach Interessen, Motiven und Ideologien ist wichtig. Die Wirksamkeit ist nicht das primäre Ziel der drogenpolitischen Akteure. Eine erfolgreiche Politik muss in erster Linie die Wünsche der politisch einflussreichen Gruppen bewirtschaften. Die Befriedigung der Stakeholder ist das oberste Prinzip jeder erfolgreichen Politik. Die Konzepte des Drogenkrieges bedienen die Interessen der Justiz, Polizei, Therapeuten, Betreuer, Prävention, Suchtforschung und pharmazeutischen Industrie weitaus besser als evidenzbasierte Strategien der Schadensminderung.

Insbesondere ist der Drogenkrieg, die Repression von Drogenkonsumenten, eine äusserst erfolgreiche Politik trotz fehlender Wirksamkeit. Auch die Drogenlegalisierung kann gewisse Erfolge verbuchen; leider orientiert auch sie sich nicht in erster Linie an der Wirksamkeit zur Verminderung der Probleme mit Drogen. Eine erfolgreiche Politik muss nur die Interessen ihrer Stakeholder befriedigen, ihre Versprechen muss sie dabei nicht einmal einhalten können. Die gegensätzlichen Versprechen in der drogenpolitischen Debatte können beide nicht eingelöst werden. Weder erzeugt der Drogenkrieg Sicherheit, noch bringt Drogenlegalisierung Freiheit.

Die Schweizer Drogenpolitik der Neunziger Jahre aber war nicht nur politisch erfolgreich, sie war tatsächlich wirksam. Die Schweiz hat es in wenigen Jahren geschafft, die Probleme mit Drogen vom ersten Platz der Tagesordnung öffentlicher Besorgnis zu einer kaum noch sichtbaren Schwierigkeit herunterzustufen. Eine Störung der öffentlichen Ordnung durch Drogen ist kaum noch zu beobachten.

Etwa zehn Mal weniger Menschen als Mitte der 1990er-Jahre beginnen heutzutage mit Heroinkonsum. Beschaffungskriminalität und Drogenprostitution sind kaum noch erwähnenswert. Todesfälle durch Heroinüberdosis gingen auf weniger als ein Drittel zurück. Die Schweiz hatte in Europa nicht zuletzt wegen der Drogenprobleme die grösste Häufigkeit an HIV-Infektionen. HIV-Infektionen sind bei Drogenkonsumenten auf unter 10 Prozent gesunken, Neuinfektionen kaum häufiger als in der Durchschnittsbevölkerung.

Unter dem Label Vier-Säulen-Politik wurde neben Prävention, Therapie, Repression die Schadensminimierung als neues Element der Drogenpolitik eingeführt. Mit ihr wurden libertäre Bedürfnisse der Achtundsechziger- und Achtziger-Generation politisch erfolgreich befriedigt. Die durchschlagende Wirksamkeit der Methadon- und Heroinprogramme wurde aber unreflektiert allen vier Säulen gleichermassen zugesprochen, was nicht zutreffend ist.

Die Schadensminderung war das neue Element. Nachweislich ist sie bei den meisten Süchtigen hoch wirksam, kostengünstig und massentauglich. Opioidsubstitution und die durch Ärzte kontrollierte diversifizierte Drogenverschreibung und Drogenabgabe haben ihren grossen Nutzen klar bewiesen. Bei Opioidabhängigen sind sie um ein Vielfaches wirksamer als alle anderen Massnahmen.

Prävention: Die Wirksamkeit von Kampagnen und Massnahmen gegen das Ausmass des Drogenkonsums der allgemeinen Bevölkerung kann nicht bewiesen werden und ist umstritten. Niemand wird ernsthaft behaupten, dass die verelendeten Drogenkonsumenten auf dem Platzspitz und Letten in den 1990er-Jahre wegen Präventionskampagnen ihr süchtiges Verhalten geändert haben.

Therapie, abstinenzorientierte psychosoziale Behandlungen und langzeitiger stationärer Entzug der Heroinabhängigkeit sind weder nachhaltig wirksam noch massentauglich und schon gar nicht finanzierbar für eine Mehrheit der Süchtigen. Tatsächlich hat nur eine kleine Minderheit ihren Opioidkonsum damit dauerhaft beenden können.

Repression: Die Polizei hat bis zur Platzspitzschliessung im Verlauf von 25 Jahren ihre Mittel und Kräfte zur Unterdrückung des Drogenkonsums verhundertfacht, vergeblich. Das Chaos nach der Platzspitz- und Lettenschliessung wurde in Zürich erst geringer, als sich die Polizei wieder auf ihre Hauptaufgabe, die Herstellung der öffentlichen Ordnung besann. Die Polizei ist ein mächtiges Instrument zur Herstellung von Ordnung. Aber Repression kann im Feld der Drogen mit dem Ziel der öffentlichen Ordnung und Sicherheit frontal kollidieren. Polizei und Justiz sind tragende Säulen der Drogenpolitik, weil sie Ordnung und Sicherheit herstellen, nicht zuletzt auch für Drogenabhängige lebenswichtige Rechtsgüter.

Die Drogenkriegspolitik propagiert den Slogan «Just say no». Das Abstinenzdogma bewirtschaftet die tief gründenden Wünsche und Ängste in idealer Weise: Der Sucht, der Seuche, Sünde und Verderben, werden das reine Heil und die endgültige Heilung entgegengestellt.

Aber Opioidabhängigkeit ist eine chronische Krankheit und keine Behandlung kann eine dauerhafte Heilung erzeugen. Eine Drogenpolitik der Schadensminderung, die sich schrittweise an der eigenen Wirksamkeit orientiert, kann kein der Heilung vergleichbar ergreifendes Narrativ gegenüberstellen. Die Freiheit kann mit einer medizinisch kontrollierten und geregelten Drogenabgabe nicht erreicht werden. Die Drogenliberalisierung fantasiert allerdings oft genau ein solches Konstrukt.

Wann und warum werden Massnahmen in der Drogenpolitik getroffen? Wie können evidenzbasierte, sich immer wieder rekursiv an der Wirksamkeit orientierende Strategien auch erfolgreich werden? Das sind die offenen Fragen.

 

Sucht ist das korrumpierte Belohnungssystem

Dieses grausame Tiermodell funktioniert mit elektrischen Reizen, Heroin, Kokain und allen Suchtdrogen:


Getrieben von seiner Sucht nimmt der Süchtige Krankheit und Tod auf sich. Kein nettes Zureden und auch keine Gewalt, nichts, wirklich nichts, kann ihn stoppen. Er braucht den Stoff.

Das anatomische Substrat unseres Belohnungssystems liegt in der Hirnbasis. Alle süchtig machenden Drogen wirken dort, auf die mesolimbische Dopaminbahn. Suchtdrogen machen, dass dieses mesolimbische System an seinem Endpunkt, dem Nucleus accumbens, Dopamin ausschüttet. Auch die körpereigenen Belohnungsstoffe, die Endorphine, Noradrenalin oder GABA wirken stimulierend auf die mesolimbische Dopaminbahn.

Dopamin-Freisetzung im Nucleus accumbens ist die allgemeine Währung, der Goldstandard unseres Gehirns. Johann Wolfgang von Goethe formulierte einst: „zum Golde drängt doch alles, ach wir Armen“. Sigmund Freud sah im Sexuellen, die Triebfeder jedes menschlichen Tuns. Beide hatten nur ein bisschen recht. Denn ich aber sage: „zur Dopamin Ausschüttung im Nucleus accumbens drängt uns alles, ach wir Armen“!

Im Ominconnected Brain, einem Gehirn, in dem jede Nervenzelle mit irgendeiner beliebigen anderen Nervenzelle über höchstens fünf weitere Stationen verbunden ist, ist kein Gedanke möglich, der nicht seine Berechtigung am Belohnungssystem überprüft. Jede Motivation ist mit dem Belohnungssystem verbunden: Die Motivation für die Suche nach Nahrung, Trank, Wärme, Sex, Schmerzfreiheit, Schönheit, Wahrheit, ja, auch der richtigen Lösung einer mathematischen Aufgabe, entscheidet sich durch Dopamin-Ausschüttung am Nucleus accumbens, an der Basis des Grosshirns.

Das Belohnungssystem sichert so unser Überleben als Individuum und als Art. Wegen dem Belohnungssystem suchen wir täglich und jederzeit nach allem was wir brauchen, so wie jedes andere Säugetier auch. Sogar Fische haben ein urtümliches Belohnungssystem.

Aber Sucht ist menschlich. Sucht ist ohne menschliches Wirken nicht möglich. Sucht entsteht durch von Menschen gemachte Bedingungen, beim Versuchstier im Laborversuch und bei uns Menschen in unserem Alltag.

Sucht ist das korrumpierte Belohnungssystem.

Sucht ist eine relativ neue Bedrohung der Menschheit. Die meisten Süchte waren früher nicht oder nur sehr wenigen möglich. Viele Suchtmittel sind heute überall und jedem Menschen zugänglich. Sucht muss gerade heute wieder diskutiert werden. Denn wir alle sind betroffen.

Sucht ist zutiefst menschlich

Siechtum und Sucht standen im Gegensatz zum Heil und Heiligen. Das Schlechte und Böse in den Wörtern Sucht, Seuche und Siechtum durchdringt noch heute die meisten Verwendungen.

Sucht ist in unserer Biologie nicht vorgesehen. Erst der Mensch kann eine süchtige Situation schaffen und das Belohnungssystem korrumpieren. Erstmals in der neolithischen Revolution, vor über 10‘000 Jahren, hat der Mensch Voraussetzungen für Süchte geschaffen. Erstmals wurde Getreide domestiziert und in grösseren Mengen verfügbar. Schon damals mussten für den Bau der riesigen Tempelanlage in Göbekli Tepe in Südostanatolien viele Menschen nicht nur ernährt, sondern auch motiviert werden. Ob dies Götter allein schafften? Es ist nicht unwahrscheinlich, dass dort auch rauschende Feste mit Bier gefeiert wurden. Vielleicht war das Brauen von Bier am Ende des Neolithikums für die Menschen zunächst wichtiger als das Backen von Brot.

Vielleicht ist Getreide auch nicht nur ein Nahrungsmittel, sondern das erste Suchtmittel, welches den Menschen abhängig machen konnte. Vielleicht hat auch nicht der Mensch das Getreide domestiziert, sondern umgekehrt, hat das Getreide den Menschen in abhängige Knechtschaft genommen und zur Arbeit im Schweisse seines Antlitzes verdammt.

Aus zuckerhaltigen Körnern und Früchten aller Art lernten Menschen in den vergangenen Jahrtausenden viele weitere alkoholische Getränke zu brauen: Bier, Wein und Beerenschnäpse. Mehr als nur gelegentliches exzessives Saufen war im alten Ägypten, Babylon oder China nur selten möglich. Der alkoholkranke, süchtige Säufer ist erst in den letzten 250 Jahren ein massenhaftes Phänomen geworden.

Agrarische Gesellschaften entdeckten auch andere Rauschmittel. In schweizerischen Pfahlbauten fanden Archäologen 6‘000 Jahre alte Spuren von Mohnanbau. Auch Hanf wurde hierzulande schon seit Urzeiten angebaut. Warum wohl werden traditionelle Appenzeller Pfeifchen mit einer Unterpfanne konstruiert? Die Knechte konnten damit gefahrlos das billige Hanf rauchen, ohne dass Glusen ins Heu fallen.

Coca und Tabak waren in den agrarischen Gesellschaften Amerikas schon viele Jahrhunderte vor der Ankunft der Europäischen Kolonisatoren bekannt und verbreitet. Süchtiger Konsum entstand aber erst mit der intensiveren Bewirtschaftung dieser Pflanzen durch die Kolonisation.

Der Rausch ist ein uraltes Bedürfnis und Phänomen, eine anhaltende Sucht ist neu in der Menschheitsgeschichte. Bis vor kurzer Zeit konnten nur wenige Menschen süchtig werden. Erstmals im 18. und 19. Jahrhundert wurde eine erkennbare Zahl von Menschen von Suchtmitteln abhängig. Erst in der industriellen Revolution wurde ein erheblicher Teil der Menschen zu andauernden Säufern. Sklaven aus Afrika ermöglichten eine billige agrarische Massenproduktion: in Zentralamerika wurde Zuckerrohr angebaut. Übergewicht wurde erst damals, und zuerst nur für wenige Reiche zu einer tödlichen Krankheit; frühere Menschen waren ausschliesslich an Unter- und nicht an Überernährung gestorben.

Chemie und andere wissenschaftlich-technische Fortschritte produzierten seit 150 Jahren neue und wirksamere Suchtmittel. Aus Opium, mehr oder weniger synthetisch, werden Opioide wie Heroin und Methadon gewonnen. Aus der Coca-Pflanze wird Kokain und aus Tabakblättern Nikotin extrahiert.

Die heutige Vielfalt an Suchtmitteln ist ein Phänomen der allerneusten Zeit. Noch in der Zeit meiner Kindheit war nur eine Minderheit der Menschen abhängig von einem Suchtmittel. Heute ist fast jeder in irgendeiner Weise süchtig. Uns alle hat das Internet am Wickel: Google, Microsoft, Facebook und WehwehwehPunktWie immer sie alle heissen mögen, wissen genau, was wir suchen, mögen und liken. Sie verlinken sich mit unserem intimsten System, dem Belohnungssystem.

Unser säugetierhaftes Belohnungssystem wird im konsumistischen Zeitalter auf allen Kanälen korrumpiert. Die industrielle Produktion von Gütern und Dienstleistungen bedient heute alle Bedürfnisse, Ziele, für welche unsere Vorfahren noch harte Anstrengungen auf sich nehmen mussten, und welche doch oft unerreichbar blieben. Nahrung, Trank, Wärme, Schmerzlinderung, Sex, Nervenkitzel, was immer sich auch frühere Menschen schon wünschten, ist heute für eine grosse Zahl von Menschen in einem bis vor kurzem unvorstellbaren Übermass erreichbar.

Gegenüber dem Mangel ist ein kapitalistisches einem planwirtschaftlichen System in der Allokation von Gütern und Dienstleistungen überlegen. Unsere Gesellschaft muss aber dem Individuum helfen, mit einem Überfluss an Möglichkeiten klarzukommen. Suchtfreiheit oder gar Sündenfreiheit? Der Klimawandel und Pandemiegefahren könnten zu einer Verzichtkultur führen, die Abstinenzforderungen gegenüber Sucht so grundlegend übertreffen, wie die mittelalterliche Forderung nach Sündenfreiheit, Reinheit.

Sucht ist das korrumpierte Belohnungssystem. Der direkte Zugang zum Schalter der Dopaminausschüttung. Nicht nur Junkies, jederman und jedfrau stehen heute täglich vor der Aufgabe, mit diesen süchtig machenden, immer vorhandenen Angeboten umzugehen. Wir alle können nicht mehr vollständig widerstehen. Wie sollten wir das auch können? Sind doch unsere Grundbedürfnisse durch das Belohnungssystem und die widerständigen Anforderungen der Umwelt, die Knappheit der Güter, reguliert. Jetzt sind sie der Hebel, mit dem die industrielle Produktion uns über das Belohnungssystem steuert. In unserer Entwicklungsgeschichte gleichen wir Menschen seit kurzer Zeit immer mehr der Ratte im Olds’schen Selbstreiz-Versuch: Die Ratte reizt am Schalter seinBelohnungssystem an der Basis des Grosshirns bis zur Erschöpfung.

Der Verstand, das Ich, unser Wahrheitsorgan, der Ort an welchem wir unsere Entscheidungen treffen, ist engstens mit unserem säugetierhaften Belohnungssystem verbunden. Wir haben eine Wahl, welchen Reizen wir gestatten wollen, unsere Entscheidungen in welchem Ausmass zu prägen. Aber unsere Wahlmöglichkeiten sind immer beschränkt und immer gefährdet. Unser Problem gleicht dem Märchen von Baron von Münchhausen, der sich am eigenen Haarschopf aus dem Sumpf zu ziehen vermochte.

Sigmund Freud hat schon 1917 festgestellt, dass das Ich nicht Herr im eigenen Hause ist. Weit über Freuds Erkenntnisse hinaus, geraten das Subjekt und damit der liberale Humanismus, welcher den Menschen, jeden einzelnen von uns, ins Zentrum der Welt stellt, auch ideologisch immer mehr unter Druck.

Ich meine, dass sich zwischen Subjekt und Objekt immer und jederzeit ein Spalt der Freiheit öffnet. Bevor diese Lava der Freiheit steinhart erstarrt, müssen wir unsere Chance immer wieder nutzen. Das gilt für das Individuum und für die Gesellschaft, jeden Tag, jeden Moment und immer wieder!

 

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